Der Film zum Ereignis

19. August 1999. 0:05 Uhr. Star Wars-Episode 1 - Die dunkle Bedrohung läuft in den deutschen Kinos an. Und es gibt wahrscheinlich nur wenige, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts von George Lucas' Film gehört haben (in den USA startete er bereits im Mai). Die Merchandising-Welle überrollte das Land im Vorfeld: Star-Wars-Figuren in Cornflakes-Packungen, unendlich viele neue Star-Wars-Bücher, der Soundtrack zum Film, Star-Wars-Bilder auf Cola-Büchsen usw. Die gesamte Bandbreite der populären Kultur wurde abgedeckt. Wer sich dem Star-Wars-Rummel entziehen wollte, der musste sich schon im Keller einschließen und von Haferflocken und Wasser leben. Bei den unzähligen Berichten über den neuen Star-Wars-Film (allein die Zeitschrift Cinema widmete ihm vier Titelgeschichten) fiel immer wieder der Begriff "Star-Wars-Phänomen". Vor 22 Jahren, als der erste Star-Wars-Film im Kino anlief, konnte man wirklich von einem Phänomen sprechen. Die zeitgenössischen Kritiken verrissen ihn, das Publikum konnte sich nicht sattsehen und machte Star Wars (USA 1977) zum erfolgreichsten Film aller Zeiten. Und George Lucas, der so hoffnungsvoll mit Filmen wie American Graffiti (USA 1973) begann, hörte auf, als Regisseur zu existieren. Er wechselte ins Produzentenfach und überließ die beiden Fortsetzungen (Teil 5: The Empire Strikes Back (USA 1979) und Teil 6: The Return of the Jedi (USA 1983)) anderen Regisseuren. Nun, im Jahr 1999, vertraute Lucas nicht mehr dem Zufall. Vor zwei Jahren lief noch einmal die digital überarbeitete Star-Wars-Trilogie in den Kinos. Offiziell zum 20jährigen Jubiläum, inoffiziell, um Zuschauerreaktionen zu testen. Nach der sehr positiven Resonanz beschloss Lucas, die Reihe fortzusetzen und wieder selbst Regie zu führen. Das Merchandising und die Berichterstattung der Medien konnten beginnen. Der neue Film selbst geriet fast zum Nebenprodukt. Als Die dunkle Bedrohung in den USA das erste Mal über die Kinoleinwand flimmerte, kannten die meisten Fans schon die Handlung (nicht zuletzt auch wegen der ins Internet gestellten Raubkopie). Den Film dann auch noch zu sehen, gehörte zum Ritual eines Star-Wars-Fans. Mit einem Einspielergebnis von 412 Millionen Dollar zählt Die dunkle Bedrohung mittlerweile zum dritterfolgreichsten Film aller Zeiten. Ironischerweise hätte der Film den gigantischen Werbefeldzug nicht gebraucht: Er bietet handwerklich perfektes Unterhaltungskino und geriet dabei nicht schlechter oder besser als die übrigen Star-Wars-Filme. Endlich konnte George Lucas seine Weltraumsaga ideal für die Leinwand umsetzen. Vor zwanzig Jahren stieß er häufig an die Grenzen der Technik. In Die dunkle Bedrohung war es ihm möglich, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen. Lebten die ersten Filme noch vom Charisma eines Harrison Ford, treten die hier menschlichen Darsteller Liam Neeson, Ewan McGregor und Natalie Portman in den Hintergrund. Lucas konzentrierte sich auf seine computeranimierten Figuren wie den Gunganer Jar Jar Binks, die mit sehr viel Liebe zum Detail kreiert wurden. So entstand Die dunkle Bedrohung hauptsächlich in der Postproduktionsphase am Computer. Die Dreharbeiten waren nur der Rahmen für George Lucas' Werk. Liam Neeson hatte manchmal Probleme, als die Kamera nicht ihn, sondern ein leeres - noch digital zu füllendes - Etwas neben ihm fixierte. Der Star des Films ist nicht der Mensch, sondern die Technik. Und die beeindruckt nicht nur eingefleischte Star-Wars-Fans. Lucas schuf die perfekte filmische Illusion. Der Planet, der aus einer einzigen Wolkenkratzerstadt besteht, wirkt wie abgefilmte Realität. Diese Szenen erinnern sehr an Luc Bessons Zukunftsstadt in Das fünfte Element (F/USA 1997). Den Höhepunkt bildet das Pod-Rennen in der Mitte des Films. Es ist George Lucas' Referenz an das Wagenrennen in Ben Hur (USA 1959). In Die dunkle Bedrohung brauchen die Räder nicht mehr den Boden zu berühren. Diese Sequenz entlarvt den Film als das, was er ist: ein Computerspiel als Film. Die Kamera nimmt hier häufig die subjektive Sichtweise Anakins (Jake Lloyd) ein, der im Cockpit sitzt und den Pod steuert. Der Zuschauer rast mit Anakin auf die Felsen zu, denen er in letzter Sekunde ausweicht. Leider fehlt der Joystick, um in das filmische Geschehen einzugreifen, was aber das Sehvergnügen nicht mindert. Eine konzeptionelle Herausforderung bestand für Lucas darin, den Film als Prequel zu gestalten. Er bildet (wie der Titel schon verrät) den ersten Teil der Star-Wars-Saga, d.h. er spielt zeitlich vor den anderen Star-Wars-Filmen. Teil 3 muss dann logischerweise dort enden, wo Teil 4 (Star Wars) beginnt. Lucas konnte die populären Filmhelden Han Solo und Luke Skywalker hier nicht einsetzen. Er musste eine Generation zurückdenken. Der Regisseur nutzte jedoch den Bekanntheitsgrad der Figur des Darth Vader. Am Ende von Teil 6, Return of the Jedi , stellt sich heraus, dass der Fiesling der Vater von Luke und Leia ist und eigentlich Anakin Skywalker heißt. Viele Fans fragten sich, wie es möglich war, dass Anakin sich von der "dunklen Seite der Macht" verführen ließ. Die Antwort soll nun die neue Trilogie liefern (Teil 2 und Teil 3 kommen 2001 bzw. 2003 in die Kinos). Die Handlung von Die dunkle Bedrohung muss zweifach funktionieren. Sie soll für das Publikum verständlich sein, das zum ersten Mal einen Star-Wars-Film sieht und gleichzeitig Anspielungen für Star-Wars-Fans enthalten, die auf spätere Ereignisse hinweisen. So weiß natürlich jeder Star-Wars-Fan, dass Anakin irgendwann Königin Amidala heiraten und Vater von Luke und Leia wird. Im ersten Teil spielt diese Liebesgeschichte noch keine vordergründige Rolle, da Anakin noch ein kleiner Junge ist. Doch die Blicke und Faszination der beiden füreinander lassen ahnen, was im zweiten Teil folgen wird. Um eine Verbindung für den Zuschauer zu den Teilen 4 bis 6 herzustellen, übernahm George Lucas die wichtigsten nichthumanoiden Filmfiguren in die neue Trilogie. Es gibt ein Wiedersehen mit Jabba the Hut, Jedimeister Yoda und den beliebten Robotern R2D2 und C3PO. Mit dem Fiesling Darth Maul kreierte George Lucas eine markante neue Figur. Sein Laserschwert-Duell mit Obi-Wan Kenobi und Qui-Gon Jinn ist ein weiterer Höhepunkt des Films. Die dunkle Bedrohung ist in erster Linie ein Kinofilm. Die imposanten Bauten und riesigen Raumschiffe wirken nur auf der großen Leinwand, die Kugeln der Kampfroboter fliegen einem nur im Dolby-Surround richtig um die Ohren. Sieht man den Film auf einem kleinen Fernsehbildschirm, ist Die dunkle Bedrohung nur noch auf seine Handlung (der ewige Kampf zwischen Gut und Böse) reduziert und der Spaßfaktor geht verloren. Mit demselben Problem hatten auch schon die anderen Star-Wars-Filme zu kämpfen.

Star Wars - Episode 1: Die dunkle Bedrohung 
 (Star Wars - Episode 1: The Phantom Manace, USA 1999) 
 Regie: George Lucas, 
 Kamera: David Tattersall, 
 Musik: John Williams, 
 Darst.: Liam Neeson, Ewan McGregor, Natalie Portman 
 Länge: 133 Min., Verleih: 20th Century Fox. 

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