Animiert amüsiert

Natürlich ist es nicht wahr, dass sich Filme durch ihre Zuschauer zu diskreditieren oder profilieren vermögen. Gerade im Kino der Postmoderne hat es der Film gelernt, breitere Zuschauerschichten anzusprechen und weg vom rezipientenorientierten Kino (wie es sich z. B. in den zahllosen Eastern und Kung-Fu-Filmen der 70er und 80er Jahre gezeigt hat) eine Ästhetik mehrerer Ebenen zu entwickeln. Ein gutes Beispiel hierfür ist Toy Story 2. Viele Besucher hatte der Film an jenem Nachmittag nicht, als ich ihn gesehen habe: Da war eine Mutter mit ihrem vielleicht dreijährigen Sohn in der ersten Reihe, mein schon vom ersten Teil faszinierter unvermeidlicher Begleiter und eben ich, der ich mal wieder mein Interesse für Computeranimation und Film in einer Besprechung von Toy Story 2 vereinen wollte. Und tatsächlich hat der Film dann auch alle Ansprüche erfüllt: Der kleine Junge in der ersten Reihe ist johlend vor Freude und Ergriffenheit auf seinem Stuhl hin und her gesprungen und hat nahezu jede Szene des Films laut kommentiert, die Mutter, die ihren Sohn wohl eigentlich nur begleiten wollte, hat sich in den melodramatischen Szenen zu Tränen rühren lassen, und meine Begleitung hat sich schier nicht mehr einkriegen können vor Lachen angesichts des so hinreißend debilen Pferdchens "Bully". Der Grund für diesen gelungenen Kinonachmittag liegt nicht zuletzt in der Fabel, die in Toy Story 2 erzählt wird: Der kleine Andy bereitet sich auf ein Western-Camping-Wochenende vor, bei dem sein Lieblingsspielzeug, die Cowboy-Puppe Woody, natürlich nicht fehlen darf. Doch kurz bevor der Trip beginnen soll, wird Woody im Spiel der Arm beschädigt und Andy zieht traurig allein ins Camp. Die Mutter indes sortiert Andys alte Spielsachen für einen Flohmarkt aus. Durch Zufall gerät auch Woody dorthin und wird von einem fanatischen Spielzeugsammler gestohlen. Der weiß nämlich, dass Woody zu einer Kollektion von Westernpuppen aus den 50er Jahren gehört, deren andere Figuren er seit langem besitzt und will diese - nun durch Woody komplettiert - an ein japanisches Museum verkaufen. In Andys Abwesenheit machen sich die anderen Spielzeuge - unter der Anführung des mutigen Astronauten Buzz Lightyear - auf, Woody zu retten. Dieser fühlt sich zwischen einer unsterblichen Existenz in einer Tokioter Glasvitrine und dem sicherlich spaßigeren, aber eben nicht endlosen Dasein in Andys Kinderzimmer hin- und hergerissen. Von der gekonnt verpackten Verarbeitung von Verlustängsten, die es mit erwachsenen Strategien zu bewältigen gilt (deren Anwendung dann wiederum ein wenig erwachsener macht - Disney lässt sich eben nicht verleugnen) über die Reflexion von Sinn und Zweck des Kinderspielzeugs, das erst im Spiel seine Seele gewinnt bis hin zu cineastischen Anspielungen: Toy Story 2 bietet allen etwas. Dabei nimmt der Film sich im Gesamtbild etwas erwachsener aus als andere Produktionen des Hauses Buena Vista (Disney). Es wird nur dreimal gesungen und der für Disney sonst so typische Kitsch hat sich auch durch abermaliges Nachdenken über den Plot nicht ausmachen lassen. Die Fortsetzung des ersten vollständig computeranimierten Trickfilms Toy Story (1995) muss sich wahrlich nicht hinter ähnlichen Produktionen, wie A bug‘s life (1999), Antz (1998) verstecken. Es ist John Lasseter nicht nur gelungen, die Charaktere seines ersten Toy Story-Films weiter auszubauen, sondern den Film darüber hinaus mit einer Prise gekonnt platzierter Zitate und scharfsinnigem Humor zu würzen. Dazu zählt vor allem der (hoffentlich Tradition gewordene!) Epilog, in dem die von den Figuren "verpatzten" Aufnahmen neben den Schlusstiteln gezeigt werden.

Toy Story 2 
 (USA 1999) 
 Regie: John Lasseter & Ash Bannon 
 Kamera: Sharon Calahan;
 Drehbuch: John Lasseter u. a. 
 Länge: 94 Min.; Verleih: Buena Vista 

[Stefan Höltgen]


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